Sommertour 2014

4 Wochen und 8.000 Km durch Südosteuropa

15. Juli Nach Istanbul

Wir merken, dass wir in den Grenzbereich zur Türkei kommen. Nicht wirklich und doch ist zu spüren, dass dieses Gebiet früher an der Grenze zwischen Warschauer Pakt und Nato jahrzehntelang ein Schattendasein geführt hat. Genauer sollte ich sagen "ich spüre das", denn für meinen 1995 geborenen Sohn wird es nur eine wunderschöne, naturbelassene Landschaft sein, in der die Schlagloch durchsetzten Straßen eine nette Herausforderung darstellen. Diese unberührte Natur ist es auch, die mich nach den Hotelburgen des gestrigen Tages aufblühen lässt.


Diese Schlaglöcher sehen so harmlos aus. Aber nach 20 Km ist man ganz gut durchgeschüttelt. Ausserdem ist Vorsicht geboten, da die kleinen Schlaglöcher immer mal wieder in große Krater übergehen. Auch gar nicht selten: Das Gras und die Büsche wachsen bis in die Straßenmitte hinein.



Gerne würde ich den ein oder anderen Feldweg genauer erkunden, aber bis Istanbul ist es noch weit und morgen früh wird meine Frau dort ankommen. Heute gilt es also Kilometer zu machen und wir wissen noch nicht, wie die Straßenverhältnisse in der Türkei sein werden.



Es ist geschafft. Wir haben die Türkei erreicht. EU Außengrenze. Kein Problem seitens der Bulgaren: Wir werden einfach durchgewinkt. Auf türkischer Seite dann nirgends ein Hinweis, was wir nun zu tun haben. So fahren wir in unserer Naivität einfach  zum Grenzhäuschen mit der geschlossenen Schranke. Wir fragen uns schon, warum so viele Autos hier vor einem alten, grauen Gebäude eine Pause machen, aber die werden schon wissen warum.

An der Schranke ist es dann mit unserer Euphorie über die bislang einfachen Grenzabfertigungen vorbei. Der türkische Kontrolleur macht uns klar, dass wir drei Stempel benötigen um an ihm vorbei zu kommen. Also zurück in das alte graue Haus, vor dem all die anderen Fahrzeuge standen. Mich trifft es ziemlich arg, da ich auf abschüssiger Straße bis zur Schranke vorgefahren war. An Wenden ist hier nicht zu denken und der Grenzbeamte ist mit keinem Argument dazu zu bewegen, mich auf dem ebenen Parkplatz auf der anderen Seite der Schranke wenden zu lassen. Also muss ich die vollbeladene Sertao 10 Meter rückwärts die Steigung hochschieben. Welch ein Glück, dass ich nicht eine dieser Monster-Reiseenduros habe!



Wir gehen in das graue Gebäude und versuchen irgendeinen Hinweis zu finden, was wir hier tun sollen. Statt dessen werden wir von einem Karlsruher Pärchen angesprochen, ob wir wüssten, wie das hier ginge. Da kann man nichts machen als einfach probieren. Und so begeben wir uns erstmal zum größten Schalter um zu fragen. Glück gehabt, es ist die Polizei. Hier werden unsere Pässe kontrolliert, wir erhalten den ersten Stempel und man sagt uns, dass wir danach zur Fahrzeugregistrierung und zum Zoll müssen. Aber wo um alles in der Welt ist das. Also auf zum nächsten Schalter. Das klingt so einfach, aber überall haben sich lange Schlangen gebildet und ein kleiner Fehler kann uns locker eine Stunde kosten.

Es scheint eine gewisse Systematik zu geben: Uhrzeigersinn. Also sind wir jetzt bei der Fahrzeugregistrierung und das letzte Büro muss dann der Zoll sein. Irgendwann haben wir den zweiten Stempel. Wie es weiter geht, erfahren wir nicht. "Weiter, weiter" ist das einzige, was wir aus der Wortwiederholung und dem hektischen Winken entnehmen. Am nächsten Büro steht niemand an. Also gehe ich hinein und werde entrüstet angefahren, ich solle warten. Ich denke, das es sich wohl um ein ganz besonders schwieriges Zollproblem handelt. Drei Männer und eine Frau stehen dort drin und diskutieren heftig. Wie sich später herausstellt, sind es alles Zollmitarbeiter, kein einziger Einreisender ist da. Endlich werde ich hereingerufen. Meine Papiere werden genommen, es folgt ein hektisches Arbeiten am PC mit gleichzeitig unendlichen Diskussionen. Lediglich die Frau bleibt ruhig und sagt mir, dass ich draussen bei meinem Fahrzeug warten solle. Das tue ich dann auch und dann kommt der Typ vom PC bei mir vorbei und drückt mir einen Stempel in den Pass. Geschafft, drei Stenpel :)

Kurz danach erscheinen auch Bernhard und Jan. Beide haben bereits ihre Stempel und wir ziehen unsere Helme an um weiterzufahren. Plötzlich kommt ein Beamter, wohl der Chef der ganzen Station auf mich zu und schreit lautstark: Stop, your passport. Follow me! Keine Erklärung, nichts woraus ich schließen könnte, was ich denn nun wieder verbrochen habe. Ich sehe deutlich das Grinsen meines Sohnes, als ich mitgenommen werde.

Im grauen Gebäude klärt sich die Sache auf: Mein Fahrzeug wurde versehentlich als Auto registriert, nicht als Motorrad. Daher auch die Kontrolle, die Bernhard und Jan nicht hatten. Der Chef geht mit mir an der langen Schlange vorbei und sagt, sie sollten erst einmal meine Papiere korrigieren. Raunen und Murren in der Schlange, die die Diskussion wohl verstanden hat. Jetzt tritt auch der zweite Mann bei der Fahrzeugregistrierung in Aktion, der bislang schläfrig im Hintergrund gesessen hat. Er gibt dem Sachbearbeiter am PC die notwendigen Anweisungen zur Änderung. Offensichtlich der zweite Chef.

Allerdings haben  wohl  weder zweiter Chef noch Sachbearbeiter einen Plan, wie das Problem über das Computerprogramm zu lösen ist. Also rufen sie lauthals nach dem Chef, der nach getanem Eingreifen ausserhalb des Gebäudes spazieren geht. Mittlerweile reicht die Schlange bis draussen und der Chef wird von zornigen Wartenden mit wilden Gestikulationen und Worten zum Schalter getrieben. Als er ankommt, eine kluge Entscheidung: Ich solle doch einfach wieder ausreisen und dann mit dem Motorrad einreisen. Darum kümmert sich der zweite Chef und in der Zwischenzeit macht sich der Sachbearbeiter daran die Schlange abzuarbeiten. Irgendwann sitzt der zweite Chef wieder auf seinem Stuhl und döst ein. ich habe meine Papiere immer noch nicht. Zum Glück hat ein deutsch sprechender Türke aus der Schlange beobachtet, dass der zweite Chef dem Sachbearbeiter meine Papiere auf den Tisch gelegt hat. Nach kurzer Diskussion erhalte ich den neuen Stempel, der zweite Chef wird geweckt und bringt mir meine Papiere. Draussen lächelt mich der erste Chef freundlich an und meint, das wäre wichtig für mich gewesen, sonst hätte ich bei der Ausreise Probleme bekommen.

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Hallo Türkei, wir haben es geschafft. Bulgarien liegt hinter uns und der Orient heißt uns willkommen. Wirklich? Erst einmal sind wir fasziniert von der Straße. Hervorragend ausgebaut und wunderschön trassiert, lädt sie uns zum Genießen der Landschaft ein. Vorbei die Überraschungen die wir in Ungarn,  Rumanien und Bulgarien in Form von Schlaglöchern oder Pferdefuhrwerken erlebt haben. Der europäische Teil der Türkei hat westeuropäisches Niveau.



Nach Tagen des Herumholperns freut einen der Autobahn ähnliche Ausbau der Schnellstraße in der Türkei. Und das wird nicht die einzige Straße mit dieser Qualität bleiben. Wenn geteert, dann gut.



Die Landschaft ist fruchtbar und lieblich. Ähnlich wie in Rumänien gibt es riesige Sonnenblumenfelder.



Da es inzwischen Mittag ist, machen wir im ersten Ort Halt. Auch hier nichts von Orient. Moderne Häuser, neue Autos. Nur mit dem Bier zur Mittagspause ist es vorbei. Cola und Tee sind angesagt :(



Dafür gibt es köstlich schmeckende und duftende Köfte zu einem Spottpreis. Der Wirt spricht etwas Deutsch und schon nach dieser kurzen Pause fühlt man sich hier wohl.


Ab hier führt uns eine Schnellstraße nach Istanbul. Auch wenn ich vor 20 Jahren hier länger gearbeitet habe, erkenne ich die Randbezirke kaum wieder. Die Stadt ist gewaltig gewachsen, wie ich schon bei einem Kurzbesuch vor 13 Jahren bemerkt habe. Im hektischen Feierabendverkehr finde ich auch nicht die Muße zum Fotografieren. Daher nur kurz meine Eindrücke von der Einfahrt in Istanbul:

  • Wir kommen von der ruhigen, wenngleich auch vierspurigen Landstraße auf die Stadtautobahn und sind in einer anderen Welt: Hektik allerorten.
  • Mein Navi kommt mit den vielen parallel verlaufenden Spuren nicht zurecht und ich muss eher aus dem Gefühl heraus den Weg ins Zentrum finden, als mit wirklicher Navi Unterstützung. Ausserdem finde ich keine Zeit, auch nur eine Sekunde auf das Navi zu schauen. Als Motorradfahrer in Istanbul muss man seine Augen und Ohren überall haben: Vorne, hinten, links und rechts.
  • Bernhard hupt, weil ihm der Sprit knapp wird. Ich höre es nicht, weil jeder, immer hupt
  • Ausfahrt verpasst. Wir müssen wenden. Aber wir sind nicht das eigentliche Hindernis. Das ist vielmehr ein Rollstuhlfahrer der quer über alle Fahrbahnen geschoben wird. Nicht das das den Verkehr behindern würde ....
  • Es fängt an zu regnen. Jetzt aber schnell nach Hause. Natürlich nicht für uns, sondern für die Backwarenverkäufer, die mit ihren Handkarren die Autobahn als die schnellste Verbindung zu ihrem Zuhause erkannt haben und dabei auch vor einem Geisterlauf nicht zurückschrecken.
  • Das erste Schild: Taksim. Hier müssen wir abbiegen. Sauglatt durch den Regen, ich drifte durch die Kurve. Irritiert aber keinen. Der Seitenabstand der Autos bleibt bei 50 cm.
  • Wir haben eine Seitenstraße hinter dem Taksim Platz erreicht. Der Verkehr wird ruhiger, aber die Straßen sind ziemlich steil hier. Es regnet noch immer und irgendwann sind Bernhard und Jan nicht mehr im Rückspiegel zu sehen. Kamen an einer steilen Stelle nicht weg, die Hinterräder drehten durch.
  • Immer noch hinter dem Taksim Platz. Jetzt leicht abschüssig. Plötzlich sehe ich, dass Jan nicht mehr so hoch im Rückspiegel ausschaut wie vorher. Liegt auf der Nase, oder besser gesagt auf dem linken Zylinder. Bleibe stehen und will hinlaufen, schaffe es aber nicht, weil ich auf der spiegelglatten Straße nur ausrutsche. Inzwischen steht Jan schon aus eigener Kraft wieder auf den Beinen und schiebt die Gummikuh an den Straßenrand.
  • Zylinderkopfdeckel sieht arg mitgenommen aus und mir scheint Öl auszutreten. Wir schrauben ihn ab und drehen ihn um, so dass die defekte Stelle oben ist. Kein Problem, damit kann man immer weiter fahren.
  • Wir sind genervt und beschließen, das nächstbeste Hotel zu nehmen. Aus meiner Erinnerung gibt es davon ganz nette am Hafen unterhalb der Hagia Sophia. Die Fahrt klappt problemlos und wir finden schnell eine gute Unterkunft.

Angesichts des Ausrutschers, ein kleiner Reifen-Review.
  • Wir hatten vor der Fahrt Enduroreifen aufgezogen, weil wir von Rumänien und Albanien die abenteuerlichsten Dinge gehört hatten
  • Hätten wir es nicht manchmal provoziert, wären wir mit Straßenreifen und normalen Straßenmaschinen genauso gut durchgekommen.
  • Auf den beiden 650-zigern waren Heidenau Scout, auf der 80/7 der Heidenau K67.
  • Auf meiner Sertao ist der Scout vor allem bei nasser Straße tausendmal besser als die ursprünglichen Pirelli. Als ich am Taksim Platz nicht mehr laufen und Jan nicht mehr bremsen konnte, habe ich mit dem Motorrad nichts gemerkt. Grip auf lehmigen Strecken ist gut, aber im direkten Vergleich war Jans´s alte 80/7 mit dem K67 deutlich besser.
  • Scout Laufleistung: Jetzt nach Ende der Tour kann ich sagen, dass auch die Lebensdauer vollkommen ok ist. Bislang 8.500 km gefahren und gut 60% sind noch da. Komme also bestimmt 15.000 km weit und das ist schon ein Wort.
  • Jan´s K67 ist für die 80/7 auf der Autobahn die Hölle. Ab 140 km/h ein Pendeln ohne Ende, oder wahrscheinlich mit bösem Ende, wenn man nicht vorher bremst.
  • Auf nasser Sraße ohne Lehm oder Schotter hatte Jan mit dem K67 keine Chance stehen zu bleiben. Umso besser Offroad. Er scheint auf den Wegen zu kleben, kann Vollbremsungen machen, voll beschleunigen und auch die Seitenführung ist genial. Mit der Sertao und dem Scout nur schwer hinterher zu kommen.

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