Sommertour 2014

4 Wochen und 8.000 Km durch Südosteuropa

23. Juli Albanien, der zweite Anlauf

Am nächsten Morgen haben wir Zeit, da die Reparatur doch einigermaßen aufwändig ist. Wir nutzen die Zwangspause zu einem kleinen Spaziergang durch Kastoria.

Als erstes fallen uns die Pelikane auf. In der freien Natur haben wir beide noch nie welche gesehen.


Das Geländer muss auch schon älter sein, denn der Baum, der komplett darum herum gewachsen war und abgeschnitten wurde, hatte doch schon eine beachtliche Größe.


Im See tummeln sich wohl nicht nur Flamingos. Auf dem Markt gibt es auch jede Menge Fisch. Ob der geschuppte Riese auch hier gefangen wurde?



Wie versprochen wird Bernhards Motorrad gegen Mittag fertig. Zwei O-Ringe im Vergaser waren gerissen. Da die Werkstatt gerade keine O-Ringe auf Lager hat, werden ganz einfach zwei ähnlich große aus einer altern O-Ring Kette ausgebaut und verwendet. Das ist das Griechenland, wie ich es noch aus den 70-zigern kenne: Improvisieren, irgendwie klappt es schon.

Wir packen und machen uns startklar. Inzwischen ist es mit dem schönen Wetter schon wieder vorbei und es ziehen Wolken auf. Aber noch ist es trocken und wir können die Regensachen eingepackt lassen. Auf dem Weg zurück zur Grenze dann nochmal ein "Bären"-Schild. Aber die sind hier wohl nicht ganz alleine:


Endlich sind wir wieder da, wo wir gestern nachmittag aufgeben mussten. Die Grenzkontrollen sind schnell und unproblemtisch. Irgendwie ist der rege Grenzverkehr Albanien-Griechenland und umgekehrt schon ganz normaler Alltag geworden. Man könnte meinen, Albanien wäre nicht nur EU Kandidat, sondern schon vollwertiges Mitglied.



Der erste Eindruck des Landes ist auch ein ganz anderer als der, den wir vorher aus Schilderungen erhalten hatten. Viele Berichte im Internet oder auch von Bekannten erwähnten immer wieder unbefahrbare Straßen, herunter gekommene Orte und insgesamt einen verkommenen Zustand. Das ist aber zumindest auf den ersten Kilometern hinter der Grenze überhaupt nicht der Fall und mit ganz wenigen Ausnahmen werden wir das in Albanien auch gar nicht erleben. Leider beginnt es jetzt zu regnen, so dass wir in dieser Gegend nur wenige Photos machen.





Hinter Korce biegen wir bei Malik auf eine kleinere Straße ab. In meiner Landkarte ist diese durchaus als eine der Hauptverbindungsstraßen nach Elbasan und Tirana gekennzeichnet. Wir sind gespannt, wie das in der Wirklichkeit aussieht.

Auf jeden Fall gibt es erstmal wieder Schlaglöcher und die Gegend wird einsamer. Daher bin ich erstaunt, kurz hinter Malik ein zerfallenes Industriegelände zusehen. Offensichtlich so etwas wie eine Eisenhütte.  



Kurz darauf wird mir auch klar warum: Hier war ein Bergwerk und der Eingang des Stollens ist noch völlig frei zugänglich


Noch etwas weiter wird einem auch klar, dass es hier Eisen geben muss. Am Zusammenlauf zweier Flüsse sieht man sehr schön die klare Grenze zwischen dem gelben, lehmigen Wasser des einen und dem roten, eisenhaltigen Wasser des anderen.



Krass ist aber nicht nur der Gegensatz in den Farben des Wassers, sondern auch das Nebeneinander von Alt und Neu. Direkt neben den Industrieruinen zwei Männer. Durchaus modern bekleidet ist ihr "Transporter" immer noch ein Esel. Noch wenige hundert Meter zuvor auf der Hauptstraße wurde das Bild von Mercedes-Benz dominiert und auch die Straße, die eben noch so glatt geteert wie der Nürburgring war, ist in eine zum Teil sehr ausgewaschene Schotterpiste übergegangen.





Das ist genau das richtige Terrain für die Sertao. Hier fühlt sie sich wohl und mir macht die Strecke richtig Spaß. Gegenüber der F800 GS, die ich vor einigen Jahren hatte oder gar gegenüber den richtig dicken Reiseenduros ist sie leicht genug um sich wie ein Fahrrad spielerisch und blitzeschnell um alle Hindernisse lenken zu lassen. Mit dem großen 21" Vorderrad merkt man Steine und Schlaglöcher kaum.


Und so ist es eigentlich schade, dass uns unser Weg nicht über die Holzbrücke Richtung Osoje führt.


Denn auf der anderen Seite geht es noch viel wilder zu. Der Weg ist dort Schotter pur und je weiter er den Berg hinauf führt, umso mehr wirkt er aus der Ferne wie ein Eselspfad.



Leider ist es kurz darauf mit dieser tollen Wegstrecke vorbei. Und das wohl für alle Zeiten. Es wird gebaut und bei der Geschwindigkeit mit der diese Arbeiten hier vonstatten gehen, gehe ich davon aus, dass spätestens im nächsten Jahr die Verbindung von Malik nach Elbasan vollständig geteert ist. Erst einmal ist es jedoch besonders unangenehm, dass die glatt gewalzte aber lehmige Baustelle durch den inzwischen wieder stärker gewordenen Regen total glitschig geworden ist. So werden wir Stunden bis Elbasan brauchen.


Aber darüber brauchen wir uns bald sowieso keine Gedanken mehr zu machen. Bauarbeiter bedeuten uns, dass wir nicht durchkommen werden. Die Straße ist irgendwie verschüttet. Wir können nicht ergründen warum, ob durch die Bauarbeiten oder durch einen Erdrutsch. Jedenfalls sind die Zeichen und Töne der Leute eindeutig: Mit beiden Händen etwas von oben nach unten ziehend und dabei "Wusch" sagend. Danach einen großen Haufen auf der Straße andeutend. Uns bleibt nichts anderes als umzudrehen, auch wenn wir eigentlich neugierig sind. Aber jetzt vielleicht noch eine Stunde weiterfahren und dann umdrehen, wäre noch ärgerlicher. Also fahren wir, wie uns empfohlen wird, zurück und nehmen die Umleitung über Pogradec, also über die große Durchgangsstraße.



Die Fahrt dorthin ist wie erwartet problemlos, lediglich der starke Regen nervt.

Pogradec überrascht einen. Alles sieht recht gepflegt aus und man hat den Eindruck, dass Mercedes-Benz ein albanischer Autohersteller wäre. Modelle jeglichen Alters fahren hier, auch die neuesten Luxuskarossen. Dann wieder der Gegensatz: Vor einem Denkmal in einer gepflegten Grünanlage am Ohrid-See grast mutterseelenallein ein Muli.


Wir haben durch die geschlossene Straße und den Regen schon wieder viel Zeit verloren. Es ist schon fast abend und wir überlegen, es wirklich so eine gute Idee ist, in die dicht besiedelten Gebiete um Tirana zu fahren, wo wir möglicherweise auch noch mit dem Verkehr zu kämpfen haben. Also beschließen wir, am Ohrid-See entlang durch Makedonien den kürzesten Weg nach Peshkopi (Albanien) zu nehmen. Das soll unser Ziel für heute werden und morgen schauen wir dann mal, wie wir am schnellsten und schönsten an die kroatische Küste kommen.

Erst einmal wird es am Ohrid See entlang wieder einmal fahrerisch richtig hart. Die Straße wird komplett neu gemacht und was wir vorfinden, ist pures Gelände mit zentimetertiefen Schlamm. Die Autos, auch die ganzen SUVs umkurven die tiefen Schlaglöcher und fahren Km um Km in Schrittgeschwindigkeit. Da sind wir mit den Motorrädern besser dran. Die Heidenau Reifen sind vom Profil selbst jetzt nach 6.000 Km fast wie neu und wir können zügig an der langen, schleichenden Karawane vorbei fahren. Die Sauerei ist allerdings gewaltig. Vor allem die Sertao, die keinen richtiges Schutzblech hat, ist über und über voll mit Lehm. Ich sehe übrigens auch nicht viel besser aus.




Die makedonische Grenze ist bald erreicht und wir werden schnell durchgewunken.


Über eine schöne Strecke geht es weiter Richtung Struga. Wenn alles klar geht, sollten wir in maximal zwei Stunden in Peshkopi, unserem heutigen Etappenziel ankommen. Aber wir haben uns zu früh gefreut. Im Nichts, etwas 35 Km hinter Struga sehe ich Bernhard auf einmal nicht mehr im Rückspiegel. Ich warte, er kommt nicht. Also fahre ich zurück. Die nächste Panne, wenn auch eigentlich keine wirkliche. Spritmangel.



Das ärgerliche an der Sache ist nur, dass wir eigentlich noch nicht die Hälfte der üblichen Distanz gefahren sind und auch die 4 Liter Reserve keine 10 Km gehalten haben. Irgendwas an der gestrigen Reparatur war wohl nicht optimal, die F650 verliert Sprit. Selbst wenn ich jetzt etwas aus meinem Tank abzapfen würde, kämen wir bei dem Verbrauch nicht zurück bis Struga. Ich versuche in einem der nächsten Orte eine Tankstelle zu finden, aber Fehlansage. Dann sagt uns noch ein vorbeikommender, einheimischer Motorradfahrer, dass das mit dem Tanken jetzt schwierig würde. Viel Sprit habe ich inzwischen auch nicht mehr. Zurück nach Struga ist zwar überhaupt kein Problem, aber wenn ich dort aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit nirgends einen Reservekanister und Sprit auftreiben kann, würde es bei mir auch nicht mehr reichen und Bernhard bliebe heute alleine in der Wildnis zurück. Bei Bären und Wölfen ;)

Also wird wieder einmal der ADAC angerufen. Wieder stundenlanges Warten. Es gibt nirgends einen Abschleppdienst. Inzwischen ist es schon dunkel und wir überlegen umzuladen und zu  zweit mit der Sertao irgendwo eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Dann noch ein letzter Anruf beim ADAC und die Bitte, doch einfach einen großen Kanister Sprit vorbei zu bringen, wenn sie schon kein geeignetes Fahrzeug schicken können. Man hört förmlich das Aufatmen am anderen Ende der Leitung, als Bernhard diesen Gedanken äußert. Irgendwann kommt dann auch ein Straßenwachtfahrer mit einer alten 5-Liter Wasserflasche voll Sprit vorbei und tankt das Motorrad. Dann leitet er uns nach Ohrid, wo es eine Werkstätte gibt, die den Spritverlust morgen beheben wird. Ziemlich müde kommen wir dort an. Bernhard gibt das Motorrad ab und dann geht es in das vom ADAC reservierte Hotel. Zu essen bekommen wir nichts mehr, ersatzweise müssen ein paar Flaschen Bier herhalten.



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