Sommertour 2014

4 Wochen und 8.000 Km durch Südosteuropa

24. Juli Der Ohridsee und Traumstrecken für Motorradfahrer

Ich ahne schon, dass das ein langer Tag werden wird. Immerhin müssen wir heute noch richtig weit fahren, wenn wir unseren Zeitplan einhalten und am Sonntag den 27. Juli wieder in Bonn ankommen wollen. Gerade mal 4 Tage stehen uns für gut 2.000 Km zur Verfügung und Albanien und die kroatische Küstenstraße sind nicht gerade für hohe Geschwindigkeiten bekannt.

Aber immerhin ist uns für morgens um 9:00 Uhr ein repariertes Motorrad versprochen. Als wir pünktlich vor der Werkstatt stehen, ist noch alles verschlossen. Nirgends jemand zu erreichen. Suchbild: Wer genau hinschaut, sieht das "B" von Bernhards Nummernschild und das Piratenlogo hinter der total verstaubten Scheibe. Das macht ganz den Anschein, als würde der Werkstattbesitzer nach dem langen gestrigen Abend noch schlafen. Telefonisch ist auch nichts zu machen, also bleibt uns nichts übrig als ein Spaziergang durch Ohrid. Der Ort hat übrigens eine ganz interessante, jahrtausendealte Geschichte. Ist es wert mal was drüber zu lesen.


Bevor wir allerdings die Burg und den netten Ort erreichen, fällt mir ein neu gebautes, auf ein winziges Gründstück gesetztes Haus mit optimierter Raumnutzung auf. Da ist wirklich kein Zentimeter verschenkt!


Wie so oft gibt es auch hier wieder eine gewaltige Stadtmauer. Will euch damit nicht langweilen.

Was mir aber eigentlich mehr auffällt ist das römische Theater, das heute noch in Betrieb ist. Über die letzten 2000 Jahre sollte sich das Ding amortisiert haben. Oder tut es gerade mit der Porsche Werbung. Theater und Festspiele können also durchaus auch in einem kostengünstigem Gebäude das Publikum begeistern. Ein kleiner Seitenhieb an die politisch Verantwortlichen in Bonn, die am liebsten das Geld für Oper und Festspielhaus nur so rauswerfen würden oder es im Falle der Oper sogar tun ;)



Ansonsten ein wirklich netter Ort mit internationalen Gästen. Die meisten davon besuchen wohl die alte Kirche, die auf den Überresten einer römischen Basilika errichtet wurde und ganz offensichtlich etliche Steine von dieser verwendet hat. Die Säulen im Eingangsbereich gehören dazu. Keine ist wie die andere und wurde irgendwie eingepasst..





Für mich auch interessant: Das Nebeneinander von Christen und Moslems. Das ist in Albanien noch auffälliger, hier in Ohrid sieht man es z.B. an dem Nebeneinander von Kirche und Moschee.


Unser Spaziergang führt uns zurück zu Bernhards Motorrad. Immer noch keiner da. So entschließe ich mich die Gegend zu erkunden. Auf der Karte habe ich gesehen, dass im Südosten des Sees eine Straße mit vielen Kurven hinüber zum Prespa See führt. Von dort kann man dann wieder über eine größere Straße zurück nach Ohrid fahren. Das sind zusammen vielleicht 100 Km, also gerade die richtige Strecke für die Wartezeit.

Los geht's. Und schonmal vorweg gesagt. Man kommt durch die herrliche Landschaft des Galicica Nationalparks. Eigentlich viel zu schade, um mal eben in zwei Stunden hindurchzufahren. Nach einer netten Fahr am Ohrid See entlang, komme ich zum Eingang des Nationalparks.


Die kleine Eintrittsgebühr von umgerechnet 2 Euro ist nicht der Rede wert. Eher die Tatsache, dass ich mit einem 10 Euro Schein bezahle und ein ganzes Bündel von Dinar-Scheinen zurückbekomme, die ich den Rest des Tages trotz Bier, Kaffee und dem Kauf von ein paar Vorräten nicht verbrauchen kann. Makedonien ist billig!


schon nach wenigen Metern beginnen die Serpentinen, die zusammen mit dem weiten Blick über den See ein herrliches Panorama ergeben.


Im Gegensatz zu den vielen bewaldeten und trotz ihrer Höhe eher sanften Bergkuppen in Rumänien oder auch in Griechenland, komme ich hier zum ersten mal in eine felsige Berggegend, die einen zumindest etwas an unsere Alpen erinnert.


Auch die Vegetation, hier z.B. die wilden Nelken ähnelt eher den Alpen als den nur wenige Kilometer entfernten Gebirgszügen in Griechenland.


Auch der Gleitschirmflieger wirkt heimatlich. Ist dieses Empfinden nur Zufall oder sollte bei mir nach fast 3 Wochen auf dem Motorrad langsam so etwas wie Heimweh aufkommen? Irgendwie ist es sicherlich auch die Tatsache, dass mit Blick auf den Zeitplan die nächsten Tage eher eine reine Rückfahrt sind als das Erkunden weiterer Länder.


Auf der anderen Seite des Gebirgszuges geht es hinunter zum Prespa See. Dieser wirkt deutlich naturbelassener als der Ohrid See. Kaum Orte und touristisch zumindest auf der Westseite völlig unerschlossen.





Sehr viel zu sehen gibt es nicht und so fahre ich recht zügig zurück nach Ohrid. Bernhard hat sein Motorrad gerade abgeholt und ist dabei es zu beladen. Perfektes Timing. Gleich kann es weitergehen. Noch kurz getankt und dann machen wir uns auf den Weg nach Peshkopi. Die Strecke bis zur albanischen Grenze ist gut ausgebaut und es gibt so gut wie keinen Verkehr. Die weiten Kurven machen Spaß und schnell haben wir die Stelle passiert, wo gestern abend Ende war. Nach nicht mal einer Stunde erreichen wir die albanische Grenze und können fast ohne Kontrolle passieren.

Kirchtum und Minarett nebeneinander? Auf jeden Fall ist auffällig wie religiös tolerant das Land wirkt. Nirgends beobachtet man die Abgrenzung einer Religionsgruppe von der anderen. Zurück in Bonn habe ich mich im Internet mal etwas mehr dazu informiert. Es lohnt sich diesen Wikipedia Artikel zu lesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Religion_in_Albanien . Was wäre es toll, wenn dieses albanische Modell auch in anderen Teilen der Welt gelebt würde.


Sofort hinter der Grenze kommt man in eine landschaftlich überaus reizvolle Gegend. Bis Kukes reiht sich ein Highlight an das andere. Auf dieser Strecke haben wir wahrscheinlich die meisten Photos der letzten Tage geschossen. Hier einmal eine kleine Auswahl davon:







In Peshkopi war es nicht ganz einfach den Weg zu finden. Das Navi wollte uns wohl auf eine größere Straße im Tal lenken, während ein Polizist uns einen anderen Weg wies. Auf diesem gab es dann auch tatsächlich ein Schild nach Kukes. Aber selbst auf der Hälfte der Strecke meinte mein Navigon immer noch, wir sollten umdrehen. Die Straße ist ganz neu und hervorragend geteert. Die Kurven sind vom Feinsten. Die Probleme des Navi bestehen aber wohl darin, dass die Trasse nicht genau auf der der alten Strecke liegt. Jedenfalls liegen meine Photos auf GoogleMaps immer ein gutes Stück neben der Straße. Wie auch immer, es ist letztlich doch die Strecke von Peshopie über Kastriot und Vleshe nach Kukes, die man als kleine graue Straße in GoogleMaps sieht.



Das war an diesem Tag typisch: Über jedem höheren Berg hing genau eine Wolke. Als ob jeder von ihnen ein kleiner, spuckender Vulkan sei.


Die Straße windet sich mal durch schroffe Natur, mal durch hübsche Wiesen und Felder. Aber immer kurvig und immer gut ausgebaut. Nirgends ein Schalgloch und auch nirgends eine Überraschung hinter einer Kurve.


Schließlich erreichen wir gegen 19:30 Kukes. Was auf dem Bild aus der Ferne ganz nett ausschaut, ist in der Wirklichkeit nicht so berauschend. Wir beschließen sicherheitshalber unsere Tanks zu füllen und dann noch ein paar Kilometer auf der in unserer Karte groß eingezeichneten Straße Richtung Shkoder zu fahren. Im nächsten Ort wird es schon eine kleine, nette Pension geben.


Die ersten Kilometer sind eine Art Autobahn. Der Kilometerzähler arbeitet wie wild. So schnell waren wir seit Wochen nicht. Aber damit ist es schnell vorbei. Mit dem Abzweig auf die SH5 haben wir wieder all das, was wir in den letzten Wochen hatten: Kurven, hinter denen sich jede Menge Überraschungen verbergen. Und nirgends ein Ort, nur Wildnis. Ich richte mich ehrlich gesagt schon darauf ein, irgendwo zwischen den Büschen das Zelt aufzubauen, als plötzlich ein kleiner Ort auftaucht, wo einige Männer auf der Straße stehen. Verstehen tut uns keiner, aber als wir die Hände gefaltet an die Ohren legen und den Kopf zur Seite neigen um anzudeuten, dass wir etwas zum Schlafen suchen, verstehen sie. Sie deuten auf ein Haus, aus dem laute Musik schallt, das aber ansonsten kaum als Hotel oder Pension zu erkennen ist.

Die Leute sind unheimlich nett und auch wenn das Zimmer nicht dem entspricht, was wir unter einem Hotelzimmer verstehen, fällt die Entscheidung hier zu bleiben sofort. Etwas anderes werden wir heute einfach nicht mehr finden, da es langsam schon dunkel wird. Gleich wird es auch noch etwas zu essen geben. Zum Glück spricht einer der anderen Gäste sehr gut italienisch, so dass wir uns nicht nur verständlich machen können, sondern sogar ganz interessante Gespräche führen. Erstmal bestellen wir jedoch Bier und Fleisch mit PommesFrites und Salat. Mal schauen, was wir bekommen.


Aber noch ist es nicht so weit. Inzwischen haben wir erfahren, dass die laute Musik von einer Hochzeitsfeier kommt. Der Sohn des Wirtes hat geheiratet. Das hält den Wirt aber nicht davon ab, sich voll um uns zu kümmern. Er schlägt vor, dass wir die Motorräder im Haus parken und lässt von diesem Ansinnen nicht ab, obwohl uns mehrere Treppenstufen von dieser Garage trennen. Wir können das Angebot einfach nicht abschlagen und ich versuche mein Glück. Gas geben, die Sertao auf's Hinterrad ziehen und schon sind die ersten Stufen geschafft. Leider ist der Stufenabstand so ungünstig, dass mit einem Schlag Vorder- und Hinterrad gleichzeitig gegen eines Stufe donnern. Ein paar Zentimeter weiter und ich hätte die erste Treppe bis zur Terasse geschafft. So macht es einen heftigen Schlag und schon rolle ich ungewollt mit gezogener Kupplung rückwärts und lande wieder auf der Straße. Ein Riesenschreck fährt mir durch die Glieder. Aber vielleicht besser so, als auf der Treppe stehen zu bleiben, denn da hätten die Füße ganz schön in der Luft gebaumelt. So geht das Manöver ohne Sturz ab, und das ganz ohne Hilfe.

Inzwischen sind wir zur Attraktion für die Dorfjugend und die Gäste geworden. Jeder will sehen, wie wir die gestellte Aufgabe meistern. Der Wirt bringt ein paar Ziegelsteine, mit der die Stufen "befahrbar" gemacht werden. Ein nächster Anlauf. Diesmal brauche ich die Sertao nicht mal auf's Hinterrad zu ziehen, problemlos erklimmt sie die Stufen zur Terasse und dann mit einem Satz auch noch die zweite, kleinere Treppe in den Hausflur hinein. Die Zuschauer klatschen. Geschafft. Das steht sie nun und mir geht schon durch den Kopf, wie das morgen wohl rückwärts geht.


Bernhards Maschine passt nicht mehr in den Flur. Sie kommt auf die Terrasse. Dazu müssen wir allerdings mit mehreren Leuten anpacken. Sie ist so niedrig, dass sie mit dem Hauptständer aufsetzt. Schließlich ist auch das geschafft und der Abend kann beginnen. Ist ein tolles Erlebnis. Die laute, albanische Musik die einen an türkische Musik erinnert, die Gespräche mit anderen (albanischen) Pensionsgästen, die wir mit Händen, Füßen und ein wenig italienisch führen und die Biere und der Schnäpse, von denen wir etliche ausgegeben bekommen.


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