Sommertour 2014

4 Wochen und 8.000 Km durch Südosteuropa

28. Juli Halb zu Hause

Gleich geht es von Venedig nach Buching im Allgäu. Irgendwie fühle ich mich auf dieser Strecke schon fast zu Hause, und kann gar nicht zählen, wie oft ich schon über die Berge an den Gardasee oder auch bis Venedig gefahren bin. Ich merke richtig, wie ich mich freue heute abend wieder zu Hause zu sein. Wenn einmal die Rückfahrt begonnen hat, fehlt mir irgendwie die Muße die Fahrt zu genießen. Eigentlich verrückt, denn oft fahre ich die gleichen Strecken nur so zum Vergnügen.

Dennoch entschließe ich mich, jetzt nicht nur Autobahn zu fahren, sondern kleinere Straßen zu wählen, wenn auch nicht die ganz kurvigen Alpenpässe. So geht es von Venedig zuerst einmal nach Trento.

Vom Campingplatz folge ich dem Brenta Kanal. Der hat in alter Zeit für viele Venezianer eine große Bedeutung gehabt. Hier lagen ihre großen Güter und Landvillen. Viele von denen stehen heute noch, zumeist aber in heruntergekommenen Zustand. Dennoch ist es immer wieder nett die zerfallende Pracht zu sehen, es passt zu der Landschaft. Heute morgen ist es windstill, graue Wolken hängen am Himmel und die alten Gebäude spiegeln sich im Kanal. Eine Stimmung, die man so oft in Venedig und in der Lagune hat und die mir viel besser gefällt, als der quirlige Tourismus an heißen Sommertagen.









Weiter geht es durch weite Ackerbaugebiete, die meisten Straßen verbinden die Orte ohne eine einzige Kurve in Form einer perfekten Geraden. Der blaue Himmel zeigt sich wieder und die Landschaft sieht aus wie gemalt. Irgendwie haben die Italiener es raus, sogar ein einfaches Bauernhaus oder auch nur eine Scheune wie ein kleines Kunstwerk in die Landschaft einzubetten.



Irgendwann verlasse ich die Ebene, die ersten Kurven kündigen sich an und dann geht es zügig bis Trento. Weil es sehr warm ist, entschließe ich mich von dort die 50 Km bis Bozen auf der Autobahn zu fahren. So bin ich schon vor Mittag im Südtirol und kann jetzt gemütlich den letzten Teil der Etappe in Angriff nehmen. Ich wähle den Weg über den Ritten und dann durch das Sarntal hinauf zum Penser Joch. Eine tolle Strecke, die ich gerne auch einmal als Tagestour von Buching aus mache.

Schon direkt die ersten Kurven hinter Bozen machen Spaß. Im Hintergrund sieht man noch die Brennerautobahn und schon ist man mitten drin in der schönen Landschaft des Südtirols. Gut ausgebaute Kurven laden offensichtlich auch andere Motorradfahrer ein. Überwiegend deutsche Nummernschilder und sportliche Maschinen ohne Gepäck. Erstmals seit Wochen muss ich auf entgegenkommende Motorräder aufpassen. Manche verwechseln die Alpen mit einer riesigen Rennstrecke. Nicht das ich besonders zimperlich fahre, irgendwo sollte man schon auch an die anderen denken.





Bei der Mittagspause in einem kleinen Dorf auf dem Ritten wird mir plötzlich bewusst, dass ich mich wieder im deutsprachigen Raum befinde. Drei Wochen lang musste ich mehr oder weniger mühsam die richtigen Worte in unterschiedlichen Sprachen finden. Was die Leute untereinander gesprochen haben, konnte ich nur erahnen. Jetzt sitze ich hier auf einer Terasse, spreche mit dem Wirt und verstehe was die anderen Gäste erzählen. Wie gesagt, ich hatte mir gar keine Gedanken darüber gemacht, dass man so eine Selbstverständlichkeit überhaupt bemerken könnte. Umso mehr bin ich im ersten Moment darüber erstaunt.




Während der Mittagspause ziehen von Norden schwarze Wolken auf. Oder besser, sie bilden sich aus dem Nichts. Keine Frage, da braut sich ein Gewitter zusammen. Aber noch ist es nicht so weit und ich hoffe, zumindest noch trocken das Sarntal zu erreichen. Die Strecke vom Ritten wieder runter ins Sarntal ist wunderschön. Malerisch stehen die Bauernhöfe an den steilen Bergen.


Im Tal angekommen beginnt es zu tröpfeln. Der Donner grollt gewaltig hier in den Bergen. Selbst im Helm bei "donnern" meines LeoVince-Auspuffs ist das Gewittergrollen unüberhörbar. Geht wohl auch anderen so, denn an der nächsten Tankstelle treffen sich jede Menge Motorradfahrer und ziehen ihre Regensachen an. Kaum habe ich das schützende Dach verlassen, fallen riesige Regentropfen vom Himmel, die ich sogar durch Regenzeug und Lederjacke spüre. Kurz darauf hat man das Gefühl, dass jemand dort oben einen Kübel auskippt. Das ganze begleitet von zuckenden Blitzen und dem gewaltigen Donnergrollen. Die Straße ist zu einem kleinen Bach geworden. Die ersten Motorradfahrer halten trotz der gerade angezogenen Regensachen schon wieder an. Aber genauso schnell, wie der Regen gekommen ist, hört er auch wieder auf. Nicht ganz, aber er geht in einen leichten Landregen über und ich fahre zwar bei nasser Straße aber ohne Blitz und Donner über das 2.211 Meter hohe Penser Joch.



Es ist kalt geworden, in der Ferne sieht man Schnee. Bei aller Freude auf zu Hause kommt doch ein leichtes Bedauern beim Verlassen des Südens auf. Und mit einem Mal merkt man, dass der Urlaub zu Ende ist.



Natürlich muss ich heute noch nach Buching und dann irgendwann nach Bonn kommen. Aber das ist bloßes abarbeiten der Kilometer. Penser Joch runter nach Sterzing, Brenner hoch, nach Innsbruck runter, den Zirler Berg hoch, über Seefeld und Mittenwald nach Garmisch dann noch Ettaler Berg hoch und über Oberammergau nach Buching. Eigentlich eine tolle Strecke. Aber die ganze Zeit Regen und nasse Straße. Urlaubsverkehr ohne Ende. 180 Km können verdammt lang werden. Ich bin ziemlich genervt als ich endlich vom Motorrad steige. Jan's 80/7 steht schon vor der Garage. Er ist vor mir aus Mailand angekommen und berichtet das gleiche über seine Fahrt. Regen, Kälte und endloser Verkehr. Der deutsche Sommer hat uns wieder und wenn ich mich recht erinnere, habe ich noch an diesem Abend mit der Planung für meine nächste Tour in den Süden begonnen ;)

Nach zwei Tagen Rast und Sport in Buching führt uns die letzte Etappe über die Autobahn nach Bonn, also quasi von zu Hause nach zu Hause. 560 Km, die ich seit Jahrzehnten kaum noch bemerke und die ich gerne auch mal schnell am Abend oder für ein Wochenende mache. Aber jetzt in der Urlaubszeit und durch die unendlich vielen Baustellen bilden sich lange Staus. Wir fahren mitten durch und endlich sehen wir hinter der nächsten Kurve Bonn mit der Kreuzbergkirche.

Nach 7.900 Kilometern durch 14 Länder kommen wir nach 26 Tagen am 31. Juli wieder "ganz" zu Hause an.


p.s.: Wieder in Bonn, treffe ich Bernhard. Er hatte auf der Rückfahrt wieder eine Panne und musste erneut den ADAC rufen. Der Kat war zu heiß geworden und Sitzbank sowie Seitenteile sind abgebrannt.

Pingbacks and trackbacks (1)+

Kommentar schreiben

Loading